Ein Leben in Lubeck 1935-2021

Annemarie, die Schwester meiner Mutter, hatte einen kleinen Garten recht nah am West-Ufer der Wakenitz. Eine kleine Hu¨tte hatte eine Ku¨che, Wohnzimmer, und Esszimmer alles in einem Raum. Das Wasser kam von einer Handpumpe draussen im Garten. Im Sommer lebte sie dort mit meinem Onkel Fritz, meinem Cousin Olaf, und meiner Cusine Petra etwa 2.5 km von ihrer Wohnung in der Paradiesgarten Strasse. Bei Besuchen im Sommer waren wir Kinder meist draussen um auch durch die umliegenden Naturschutzgebiete zu stromern. Dies sind meine ersten Erinnerungen an eine grossartige, selbstlose, und elegante Frau: Annemarie Gu¨smer starb vor 2 Wochen in Lu¨beck 86 Jahre nach ihrer Geburt.

Familien Photo vom 7. Mai 1960. Von links nach rechts: meinem Vater Lothar Mu¨nchow, meiner Mutter Christa Nagewitz, meine Tante Annemarie Gu¨smer, meine Grosseltern Luise und Hans Nagewitz, und mein Onkel Fritz Gu¨smer.

Meine Grossmutter Luise Nagewitz gebar Annemarie als drittes von fu¨nf Kindern am 20. Ma¨rz 1935 in Lu¨beck. Annemarie’s 4-ja¨hrige Schwester Ingrid starb 4 Wochen vor ihrer Geburt. Dies war ein schwerer Anfang sowohl fu¨r die Eltern Luise und Hans als auch fu¨r das neugeborene Kind. Meine Mutter Christa folgte 1936, ein kleiner Bruder 1937, und der Zweite Weltkrieg begann 1939. Annemarie war 4 Jahre jung als Deutsche und Russische Armeen Polen angriffen, 9 Jahre als ihr grosser Bruder der Deutschen Wehrmacht bei-getreten wurde, und 10 Jahre alt als die Britisch Armee Lu¨beck von den Nazis befreite.

Die Feuerstu¨rme und Bomben des Luftangriffes am Palmsonntag 1942 brannten sich fru¨h in die Errinnerungen der zwei kleinen Ma¨dchen Anne (7) und Christa (5) ein. Anders als meine Mutter, welche bis heute jeden Donner, jeden Blitz, und jedes Feuer fu¨rchtet ohne richtig zu wissen warum, hat meine Tante Anne perso¨nliche Gefuehle, erlebte Geschichte, und gewu¨nschte Politik analytisch bedacht, gelesen, und ensprechend gewa¨hlt und gehandelt. Sehr fru¨h hat sie Verantwortung in der Familie u¨bernehmen mu¨ssen, was nicht immer ihrer eigenen Bildung half, obwohl sie bei weitem die Klu¨gste in der Familie war.

Sie graduierte 1949 von der Volksschule gleichzeitig mit der Gru¨ndung der Bundesrepublik Deutschland. Das war ein unglu¨ckliches Jahr, in dem sie keinen Ausbildungsplatz fand, da die Arbeitslosigkeit in Lu¨beck 1949 bei 28.7% lag. Etwa 300 junge Frauen aus Lu¨beck und Schleswig-Holstein wanderten dieses Jahr nach Island aus, weil dort Frauenmangel herrschte. So begann Annemarie, 15 Jahren jung, in einer Fabrik zu arbeiten und teilte sich auch weiterhin ein Zimmer mit ihrer kleinen Schwester bei den Eltern erst in der Stitenstrasse und ab 1951 am Buniamshof, wo ihr Vater der Platzwart war. Zusammen sind wir dort in 2018 und 2019 auch am Kra¨henteich und in der Altstadt spazieren gegangen um spa¨ter im “Kartoffelspeicher” und bei “Schlumacher’s” zusammen zu Feiern und zu Essen.

Ein Jahr spa¨ter lernte sie als junge 17-ja¨hrige Frau den gelernten Schlosser Fritz Gu¨smer kennen: sie verlobten sich 2.5 Jahre spa¨ter und heirateten 1957. Das junge Ehepaar wohnte immer noch bei den Eltern, da Wohnraum und Geld in Lu¨beck auch 12 Jahre nach Kriegsende immer noch knapp war. Meine Mutter zog eine Woche nach der Hochzeit in die Schweiz, so dass Annemarie und ihr Ehemann ein eigenes Zimmer hatten. Nach zwei Jahren gebar sie Olaf 1959. Jetzt fand die junge Familie auch ihre erste Miet-Wohnung, bekam den Schrebergarten an der Wagnitz, und am 6. Januar 1962 gebar Annemarie Tochter Petra. Hier ist Annemarie’s Schrebergarten im Sommer 1962, wo ihr Vater einen seiner Enkel schaukelt:

Kleinkind in Annemarie’s Schrebergarten an der Waknitz etwa 1962 mit Grossvater.

Sowohl Olaf (1959), Petra (1962), als auch ich (1961) und meine zwei Geschwister Burkhard (1963) und Christina (1964) sind alle in Lu¨beck geboren. Meine Mutter bestand darauf, dass ihre Kinder nicht an ihrem Wohnort in Leck, Nordfriesland hinter dem Deich der Nordsee auf die Welt kommen; nein, Christa entschied, dass ihre Kinder in der grossen Stadt mit der Unterstu¨tzung ihrer Schwester Annemarie zur Welt kamen. Annemarie sorgte sich auch um ihre etwa 18 Monate junge Nichte Christina fu¨r 2-3 Wochen, damit ihre Schwester Christa mit Mann und So¨hnen in einen Urlaub fahren konnten. Hier ist Annemarie’s Tochter Petra bei uns in Nordfriesland 1965 zu Besuch. Das war der Kinder-Tisch separat von dem Erwachsenen-Tisch.

Cuties at the kids table From left to right: Burkhard, Andreas, cousin Petra and baby Christina. Photo taken on Wikinger Str. in Leck, Germany early 1965. This photo taken from the slide projected on the wall.
Burkhard, Andreas, Cousine Petra, und Christina in Leck, Nordfriesland, Wikinger Str. 46 Anfang 1965.

Und so ging es auch die na¨chsten 15 Jahre weiter. Wir Mu¨nchow’s aus Nordfriesland oder Hessen waren jedes Jahr bestimmt 3-4 mal auch bei Tante Anne zu Besuch. Zusammen verbrachten wir Kinder viel Zeit miteinander und hatten nicht una¨hnliche Probleme als Teenager mit Eltern, Musik, Sex, Drogen, Schule, und dem allgemeinen Zustand von Gesellschaft und Politik. Das hatte allerdings auch Vorteile, da wir Kinder uns bestens gegen unsere Eltern unterstu¨tzten. Diese erschienen uns sehr alt, konservativ, langweilig, und von Musik hatten die wirklich keine Ahnung. [Die Ironie hier ist, dass wir “Teenager” heute 10 Jahre a¨lter sind, als unser Eltern es in den spa¨ten 70er waren.]

Petra Gu¨smer (Tochter von Annemarie) und Burkhard Mu¨nchow (Sohn von Christa) in Walldorf, Hessen, etwa 1978.

Tante Anne sagte selten etwas – stille Wasser sind tief – aber wenn wir als rebellische Teenager zu weit gingen, dann bescha¨mte sie uns mit ihrer Ruhe und Toleranz, mit ihrer Logik und Wissen, und ganz besonders mit weisem Humor, welcher uns zum Lachen brachte. Da wir ihr oft vertrauten, folgten wir dann gerne ihrem Rat. Keiner in unser Familie besass Annemarie’s Emphatie und Einfu¨hlung fu¨r junge Leute. Sie war nicht nur der “Bu¨cherwurm” in unserer Familie sondern auch die “Weisheit” und der “gesunde Menschenverstand.” Aber sie war immer im Hintergrund, immer leise, immer am Arbeiten, und hat sich immer selbstlos um das Wohl anderer geku¨mmert. Diese Selbstlosigkeit kam dann spa¨ter auch ihren Enkelkinder Christoph (1982), Maya (1984), und Titus (1990) in grossem Masse zu Gute.

Etwa 4 Jahre nach der Geburt von Titus reiste Annemarie ohne Ehemann, Kinder, oder Enkelkinder aber mit meinen Eltern fu¨r 3-4 Wochen in die USA. Der Flug 1994 von Hamburg nach Denver in Colorado war wohl ihr erster. Sie besuchte ihre Nichte Christina, welche dort mit ihrer jungen Familie lebte. In einem Miet-Auto fuhren sie dann ganz “langsam” durch die Rocky Mountains und die Wu¨sten von New Mexico, Utah, and Arizona, um mich am Pazifischen Ozean in San Diego, Kalifornien zu besuchen. Das sind fast 2000 km. Diese Reise wurde sowohl von ihren Tochter Petra von Lu¨beck aus, als auch von meiner Schwester Christina und mir u¨ber einen Zeitraum von etwa 2 Jahren vorbereitet. Hier ist ein Photo, wo sie bei meiner Schwester in Boulder, Colorado ankommt:

Annemarie Gu¨smer (rechts) mit ihrer Nichte Christina Parsons, Schwager Lothar und Schwester Christa (links) in Colorado 1994.

Die Drei fuhren dann auf der Ku¨stenstrasse dem Pazifischen Ozean entlang nach San Francisco, gingen dort 2-3 Tage spazieren, essen, und trinken, und fuhren dann die 2000 km zuru¨ck nach Denver in einer no¨rdlichen Route. In den na¨chsten 20 Jahren habe ich dann den Kontakt nach Deutschland fast verloren: meine Grosseltern starben, es wurde geheiratet, Kinder wurden geboren oder adoptiert, Ehen wurden geschieden, neue Partnerschaften wurden gegru¨ndet, und aus Kindern wurden Erwachsene sowohl in Deutschland als auch in den USA.

Im Sommer 2015 lebte Tante Anne mit ihrem Ehemann bei ihrer Tochter Petra, Schwiegersohn Stefan, und deren Familie. Dort besuchte ich Annemarie und Petra an einem Samstag Nachmittag auf einem Arbeitsweg von den USA nach Schweden. Warum Petra auf der Wiese hinter dem Haus mit 4-5 Mo¨psen in einem Camper lebte, war mir nicht so ganz klar, aber Petra und ich haben gemein, dass wir uns oft etwas exentrische verhalten und uns meist spontan entscheiden was manchmal chaotische Konsquenzen hat. Meine Mutter hat diese Erbmasse auch, Annemarie allerdings nicht. Dafu¨r hat Annemarie aber die no¨tige Gedult, Ruhe, und Empathie um dieses andere Leben zu tolerieren. Hier ist Tante Anne mit Onkel Fritz und auch Petra etwa 2015 in ihrem Garten.

Ganz besonders mein in Deutschland verbliebener Bruder Burkhard hat immer den Kontakt zu Tante Anne und Onkel Fritz, ihren Kindern Olaf und Petra, und auch Enkelkindern Maya und Titus u¨ber all die Jahrzehnte behalten. Burkhard erza¨hlte mir von traurigen Beerdigungen, frohen Hochzeiten, und einsichtigen Geschichten von Annemarie und Fritz. Diese kurzen Einblicke, welche Annemarie Burkhard und spa¨ter auch mir im Privatem erkla¨rte, warfen neues Licht auf alter Ereignisse und Perso¨nlichkeiten in unserer Familie. Stille Wasser sind tief – und Annemarie’s Beobachtungen, Erinnerungen, und Analysen waren scharf und trafen wunde Punkte ohne zu verletzen.

Burkhard gab mir diese Bilder von Annemarie, Petra, und Fritz an der Ostsee, in Hameln, in Neustadt, in Kiel, und auch auf der Burg Runkel an der Lahn wo Tante Anne und Petra ihn und seine Frau Carina 2016 besuchten:

Meine Wissenschaft und Ozeanographie Forschungsreisen brachten mich jetzt jedes Jahr zur “Durchreise” nach Deutschland. Gerne flog ich u¨ber Kopenhagen nach Europa und dann per Zug und Ostsee-Fa¨hre nach Lu¨beck um sowohl meine Eltern als auch Tante Anne zu besuchen. Kurz vor Weihnachten 2017 lud ich mich zu Kaffee und Kuchen in ihre Wohnung ein. Hier ihre schnelle Antwort per e-mail:

Annemarie und Fritz Gu¨smer am 23. Dezember 2017 in ihrem Wohnzimmer mit dem Author. [Photo von Dragonfly Leathrum.]

Annemarie ging mit der Zeit und konnte mit digitalen Medien gut umgehen, was in Deutschland fu¨r Frauen u¨ber 80 ungewo¨hnlich ist. Ganz begeistert zeigte sie uns ein grosses Album von der Hochzeit ihrer Enkeltochter Maya auf ihrem iPad. So funktionierte dann auch die Kommunikation mit Dragonfly, welche noch wenig Deutsch sprach, aber von den Familienfotos – wie auch ich – ganz begeistert war. Auch Annemarie’s ju¨ngsten Enkel Titus traf ich ein erstes Mal als erwachsenen Menschen. Als ehemaliger Seemann spricht er ausgezeichnetes Englisch. Am Abend fuhren wir wohl gena¨hrt und gesta¨rkt die 30 Minuten Busfahrt zu unser AirBnB in der Lu¨bschen Altstadt im Malerwinkel zuru¨eck.

Ein Jahr spa¨ter kam Tante Anne uns in diesem AirBnB besuchen, nachdem wir lange in der Altstadt zu Fuss mit meinen Eltern unterwegs waren. Die zwei Schwestern und mein Vater erinnerten sich an vielen Ecken an Ereignisse und Geschichten welche 30 oder 50 oder 70 Jahre zuru¨ck lagen. Schulen, Friseure, Cafe’s, La¨den, Kneipen, Kinos, und auch Gescha¨ften. Annemarie arbeitete viel in der Altstadt im Schuhverkauf bei Salamander und im Kleiderverkauf bei Herder um ihrer Familie auch finanzielle zu unterstu¨tzen. Sie kommentierte in 2018, dass die 300-400 Jahre alten und malerischen (“picturesque”) Ha¨user der Lu¨becker Altstadt nicht immer so schick waren, wie sie es heute sind. Nach dem Wein vor unserem AirBnB hinter dem Dom an der Obertrave sind wir abends noch scho¨n und vornehm Essen gegangen. Das war der letzte Abend, welchen Tante Anne und ich zusammen verbrachten.

Ihr Leben war nicht ganz so lang, wie ich es mir gewu¨nscht ha¨tte. Covid-19 verhinderte den Plan sie letzten Sommer oder Weihnachten noch einmal zu besuchen. Annemarie’s Leben war sicher nicht immer einfach, aber sie hat anderen viel Freude, Mut, Stabilita¨t, Essen, Trinken, und auch viel Liebe gegeben. Sie war und ist fu¨r mich eine Person, welche all Das representiert, was Gut in Deutschland und in meiner Heimat ist und war.

Annemarie is Home.